Wie der FCN ein starkes Spiel aus der Hand gab

Dominant, spielstark – und trotzdem ohne Punkte in Darmstadt.

1. FC Nürnberg FCN News CLUBFOKUS Analyse Taktik Darmstadt Klose Kohfeldt
Foto. DO IT NOW Media

Schwung mitnehmen

Nach dem spektakulären Rückrundenauftakt des 1. FC Nürnberg wartete auf den FCN die nächste schwierige Aufgabe. Den 3:2-Heimerfolg gegen Elversberg wollte man am Freitagabend beim SV Darmstadt bestätigen und den dritten Sieg in Folge einfahren. Hierfür musste Miroslav Klose auf seinen Linksverteidiger Berkay Yilmaz verzichten, der gelbgesperrt fehlte und durch Eric Porstner in der Startelf ersetzt wurde. Auch die Heimmannschaft wechselte im Vergleich zum 3:3 in Bochum nur ein einziges Mal – für den erkrankten Fabian Holland rückte Merveille Papela links hinten in die Anfangsformation.

Spielstärke dominiert Wucht

Schon in den ersten Minuten war erkennbar, dass es der Club mit einem sehr wuchtigen und physisch starken Gegner zu tun bekommen würde, der das Spiel offensiv und aktiv angehen wollte. Das wusste der FCN jedoch zu unterbinden – vor allem, da man richtig gut Fußball spielte. Darmstadt versuchte, die Franken auf den Flügel zu lenken und die Ballseite dann im Mann-gegen-Mann zuzustellen.

Dass dies beim Versuch blieb, hatte sehr viel mit der Klose-Elf zu tun. Auch unter Gegnerdruck blieb man technisch sauber und fand vor allem so schnelle Lösungen, dass der Ball bereits bei einem Nürnberger ankam, ehe der SVD-Gegenspieler dies unterbinden konnte.

Variabel

Die Franken zeigten erneut ihre Variabilität. Man löste viele Situationen im Zentrum auf, kam aber vor allem vom Flügel immer wieder diagonal in den Zehnerraum in Richtung Julian Justvan, der viele Pässe in gefährlichen Räumen empfangen konnte. Da durch das Darmstädter Pressing ballfern nur noch wenig Personal übrig blieb, waren viele dieser Aktionen ebenso wie Spielverlagerungen vielversprechend.

Dadurch konnte man das Spiel gut verlagern – oder aber im richtigen Moment auch „einfach“ das Tempo von Mohamed Ali Zoma ausnutzen. Dieser kam bislang zumeist über die linke Außenbahn. Am Böllenfalltor lief er jedoch zumeist über halbrechts auf. Darmstadts linker Innenverteidiger Matej Maglica hatte mit dem Tempo von Nürnbergs Nummer 23 große Probleme und war in Laufduellen gegen ihn chancenlos.

1. FC Nürnberg FCN News CLUBFOKUS Analyse Taktik Darmstadt Klose Kohfeldt
Der FCN war vor der Pause kaum zu pressen, agierte technisch sehr sauber, kam immer wieder in den Zehnerraum und hinter die gegnerische Abwehr.

Im Griff

So gab es beim Club in den ersten 45 Minuten offensiv wenig zu bemängeln. Natürlich hätte man einige Situationen bis vor das gegnerische Tor noch besser zu Ende spielen können oder müssen, um sich auch aus den Durchbrüchen Zomas zu belohnen. Aber auch so gab es genug Chancen, um in Führung zu gehen. Diese gingen Darmstadt bis dahin nahezu vollkommen ab. Aus Lilien-Sicht gibt es sicherlich noch andere Gründe, wie beispielsweise zu früh und unvorbereitet geschlagene Flanken, aber auch der FCN hatte daran seinen Anteil.

Kein Lidberg in Sicht

Wie schon gegen Elversberg presste man mutig und hoch. Den variablen gegnerischen Spielaufbau, der mal zu dritt und mal zu viert erfolgte, störte man unter anderem mit den weit nach vorne verteidigenden Achtern Finn Ole Becker und Rafael Lubach sowie einer zumeist klaren Zuordnung. Der Gegner hatte auch vor, sich zwischen die Linien zu spielen und von dort aus das Spiel zu beschleunigen. Vor allem die Nürnberger Innenverteidigung um Luka Lochoshvili und Fabio Gruber verhinderte dies jedoch, da sie sehr aggressiv und mit gutem Timing nach vorne verteidigten. Der beste Torschütze der 2. Bundesliga, Isac Lidberg, war fast gar nicht zu sehen.

Kohfeldts Anpassungen

Im zweiten Durchgang wurde das Spiel von Beginn an deutlich ausgeglichener. Lilien-Trainer Florian Kohfeldt nahm einige Anpassungen vor, die die Partie veränderten. Die Hessen waren nun im Zentrum deutlich näher am Mann und kompakter. Unter anderem zog man Fraser Hornby vom Sturm auf die Zehnerposition zurück. Einer der Sechser blieb zudem deutlich näher an Justvan und stand nicht schon von Beginn an sehr hoch, was den Aktionsradius des Nürnberger Zehners etwas einschränkte. Während man zuvor das Gefühl hatte, der Club agiere im Zentrum mit zwei Spielern mehr, reduzierten sich die Nürnberger Ballbesitzphasen jetzt.

1. FC Nürnberg FCN News CLUBFOKUS Analyse Taktik Darmstadt Klose Kohfeldt
Darmstadt presste nach der Pause anders, der Club wurde spätestens nach dem Gegentor zu unsauber.

Eckball ändert Spiel

Auch im Spiel gegen den Ball wurde es für den FCN etwas schwerer. Unter anderem tauschten die gegnerischen Flügelspieler zur Pause die Seiten. Auch vom Halbraum aus attackierte Darmstadt jetzt öfter die Tiefe und besetzte die Linie hinter dem Stürmer oft mit fünf Spielern. Auch wenn sie dadurch mehr Kontrolle erlangten, blieben Chancen aus dem Spiel heraus Mangelware. Umso bitterer aus Nürnberger Sicht, dass sie sich auf ihre Stärke nach ruhenden Bällen verlassen konnten und nach einem Eckball in Führung gingen. Zuvor hatte Gruber den Ball nicht klären können.

Kein Zurückkommen

Das 1:0 war ein kleiner Wirkungstreffer. Der FCN fand nun nicht mehr in sein Spiel. Man schaffte es nicht mehr, die Tiefe zu attackieren, kam selten in Steil-Klatsch-Aktionen und war technisch nicht mehr so sauber wie noch zuvor. Die Ruhe am Ball verließ den einen oder anderen Spieler. Wenig später folgte das 2:0, das der Club nach einem eigenen Eckball kassierte – Justvan ging als letzter Mann ins Eins-gegen-eins, anstatt den Ball einfach zu klären. In der Schlussphase brachte Nürnberg viele Offensivspieler auf das Feld, stellte auf Dreierkette um und riskierte viel. Zurück in die Partie fand man jedoch nicht mehr.

Unnötig

So steht unter dem Strich ein Spiel, das der Club nicht hätte verlieren müssen. Die ersten 45 Minuten waren sogar sehr überzeugend, fußballerisch gut und knüpften nahtlos an das Spiel gegen Elversberg an. Dass man diese Dominanz nicht über die volle Distanz aufrechterhalten konnte, sollte angesichts des Gegners nicht überraschen, wenngleich der Club mit fortlaufender Spieldauer wenig Antworten auf die veränderte Statik des Spiels fand.

Umso ärgerlicher, dass die beiden Gegentore aus den größten Stärken Darmstadts entstanden – Standards und Umschaltsituationen. Verhindern hätte sie der Club dennoch können. Dennoch war es unter dem Strich keinesfalls ein schlechtes Spiel. Dass die beiden Teams nach nun 19 absolvierten Spielen in der Tabelle zwölf Punkte und ein um 19 Tore besseres Torverhältnis trennen, hatte man in den 90 Minuten nicht ansatzweise gesehen.