Box-to-Box-Achter aus der U23?
Nach langer Suche nach einem Ersatz für Jens Castrop, der in die Bundesliga zu Borussia Mönchengladbach wechselte, konnte der 1. FC Nürnberg endlich einen Nachfolger fürs zentrale Mittelfeld finden. Finn Ole Becker, der auf der Acht wie auch auf der Sechs einsetzbar ist, kommt von der TSG Hoffenheim und unterschreibt in Nürnberg einen Vertrag über drei Jahre. Als klassischer Box-to-Box-Spieler, der mit viel Dynamik den Ball nach vorne trägt, gilt der spielstarke Becker allerdings nicht.
Umso erfreulicher, dass sich derzeit im Clubnachwuchs ein Youngster mit Castrop-ähnlichem Profil in den Vordergrund spielt. Denn bei seinen bisherigen drei Einsätzen für die U23 konnte Eryk Grzywacz andeuten, warum ihn der FCN im vergangenen Winter mit Perspektive auf den Profikader für anderthalb Jahre vom VfL Wolfsburg ausgeliehen hat.
Grzywacz sticht heraus
Insbesondere beim jüngsten 3:1-Erfolg über die SpVgg Ansbach machte der 19-jährige Mittelfeldspieler deutlich, dass er eigentlich zu gut für die Regionalliga Bayern ist. Unter allen Akteuren war Grzywacz einmal mehr der technisch versierteste Spieler auf dem Feld und seinen Gegenspielern klar überlegen. In seiner Rolle als linker Achter nahm der polnische Jugendnationalspieler viel Einfluss als Verbindungsspieler zwischen Defensive und Offensive.
Seine große Stärke wurde besonders beim 2:1-Führungstreffer durch Noah Maboulou deutlich: Mit nur einem Kontakt und flüssiger Bewegung drehte er sich im Zentrum unter Gegnerdruck auf, trug den Ball mit Tempo nach vorne und verlagerte schließlich präzise auf den Vorlagengeber Tobias Heß.
Eine Szene, die sinnbildlich für seinen Auftritt stand – denn vergleichbare Aktionen waren mehrfach zu sehen und unterstrichen seine technische Finesse. Selbst in engen Räumen und unter hohem Gegnerdruck war Grzywacz kaum vom Ball zu trennen, weil seine Ballkontakte fast durchgehend sauber blieben. Neben seinem Pre-Assist war der Rechtsfuß mit vier Abschlüssen und zwei Schussvorlagen an über einem Drittel aller Abschlüsse direkt beteiligt – wenn er nicht ohnehin zuvor selbst den Angriff eingeleitet hatte.
Bei den Profis vermisste Fähigkeiten
Offenbar spielt sich Grzywacz nach einer Knieverletzung, die ihn in der Rückrunde ausbremste, aktuell wieder in Form. Obwohl er in dieser noch jungen Saison weniger als 50% der möglichen Spielminuten absolvierte, zählt er bei Tempoläufen mit Ball bereits zu den Top-26 der gesamten Liga – pro 90 Minuten gerechnet sogar zu den Top-5.
Bälle abholen, aufdrehen und mit Tempo nach vorne tragen – genau diese Fähigkeiten vermisst man seit dem Abgang von Castrop im Profiteam. Inwieweit Grzywacz diese schon bald auch dort einbringen kann, bleibt angesichts der überstandenen Verletzungspause zunächst abzuwarten. Zumal seine defensiven Qualitäten – abgesehen von einigen guten Momenten im Gegenpressing – gegen Ansbach kaum auf die Probe gestellt wurden. In der Jugend-Bundesliga zeigte er jedoch bereits einen großen Aktionsradius mit vielen Zweikämpfen in beide Richtungen.
Hohes Potenzial & wertvolles Profil
Kann er auf der aktuellen Form aufbauen, scheint es nur eine Frage der Zeit, bis er erstmals in den Lizenzspielerkader rücken könnte. Vom aktuellen Spielermaterial des 1. FC Nürnberg kommt er als einer der wenigen Castrops Profil mit Ball nahe – womöglich sogar mit noch größerem technischem Potenzial. Im Sommertrainingslager hatte Miroslav Klose bereits seine Qualitäten hervorgehoben: „Ich habe gesehen, welche Lösungen er in den Spielformen hat. Und das ist schon richtig gut. Ich hoffe, er bleibt gesund, weil ich ihn für einen sehr interessanten Spieler halte.“