Jens Castrops Aggressivität: mehr Fluch oder Segen?

Jens Castrop führt die "Sündertabelle" der 2. Fußball-Bundesliga an. Warum man dies trotzdem differenzieren muss und warum der FCN von Castrops "Entscheidungsfindung" abhängig ist, analysiert der CLUBFOKUS.

Analyse Platzverweis Castrop Nürnberg
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FCN NLZ Ticker

Die 34. Minute war am vergangenen Wochenende zumindest eine der absolut entscheidenden Szenen. Der Platzverweis von Jens Castrop. Auf die Entstehung möchte ich gar nicht noch einmal eingehen. Hier wurde bereits von vielen – und auch von uns genug dazu gesagt. Hier soll es etwas allgemeiner um den 20-jährigen Nürnberger Mittelfeldspieler gehen. 8 gelbe Karten und 2 Platzverweise sprechen eine klare Sprache. Der CLUBFOKUS ordnet ein.

Castrops Wendepunkt gegen Paderborn?

Der „Höhepunkt“ in Castrops Kartenbilanz war sicherlich das Spiel in Paderborn. Bereits an den 6 vorherigen Spielen sah er in jedem davon den gelben Karton. Beim 1:3-Erfolg in Paderborn fiel er in der 1. Halbzeit noch als Torschütze auf – in der 2. Halbzeit musste er das Feld nach einer Grätsche mit der roten Karte verlassen. Seitdem sieht man einen anderen Jens Castrop. Einen Castrop, der weniger aktiv, kompromisslos und aggressiv zu Werke geht. In Maßen sicherlich verständlich und auch richtig. Und dennoch merkt man es dem Spiel des 20-Jährigen an. Auch die Daten belegen dies. Seit diesen Partien gewinnt er deutlich weniger Zweikämpfe, erobert deutlich weniger Bälle und foult beziehungsweise grätscht auch weniger. Bis zum Spiel in Fürth blieb Castrop tatsächlich auch komplett ohne Karte gegen sich. Blöd nur, dass es seitdem auch beim Club deutlich weniger läuft. Aus den 10 Partien seitdem konnte man lediglich magere 9 Punkte einfahren und kassierte obendrein 20 Gegentreffer. Man könnte also auch zu der Schlussfolgerung kommen, dass das aggressive Spiel Castrops der Fiél-Elf seitdem abgeht.

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Jens Castrops Qualitäten im Ligavergleich

Gegen Fürth sah man wieder den „alten“ Castrop. Nur leider einen Tick über die Strenge hinaus. Das gesunde Mittelmaß scheint leider zu fehlen. Umso wichtiger, wenn dies hoffentlich bald zurückkehrt. Denn auch Castrops Statistiken im Vergleich mit den anderen defensiven und zentralen Mittelfeldspielern der 2. Fußball-Bundesliga zeigen die Qualitäten des laufstarken Balleroberers. Castrop führt ligaweit die meisten Zweikämpfe bei gegnerischem Ballbesitz aller Mittelfeldspieler. Dass seine Erfolgsquote bei diesen nur unterdurchschnittlich ist, zeigt aber auch, dass er noch Schwierigkeiten hat, das richtige Maß an Zweikampfährte im richtigen Moment zu finden. Apropos unterdurchschnittlich: selbiges gilt auch für Castrops Input in der Offensive. Er könnte noch deutlich proaktiver freie Räume belaufen und sich mehr in das Übergangsspiel zwischen Defensive und Offensive der Cluberer einbringen.

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Das macht Castrop nahezu unersetzlich

Bei all der berechtigten Kritik für Castrops Kartenbilanz ist es nochmal wichtig, die Bedeutung des Mittelfeldspielers einzuordnen. Der FCN verfügt über ein großes Vakuum an Zweikampfhärte und Präsenz im Mittelfeldzentrum. Dies äußert sich nicht nur beim „klassischen“ Spiel gegen den Ball, sondern auch nach eigenem Ballverlust. So zeigte man sich unter anderem im Spiel gegen Kaiserslautern sehr anfällig nach eigenem Ballverlust und kam kaum zu Ballrückeroberungen im Gegenpressing. In dieser Hinsicht ist man ein Stück weit abhängig von Jens Castrop, da er als einer der wenigen sofort wieder das „Ball jagen“ im Kopf hat. Die Zahlen dazu sind fast schon ein bisschen erschreckend. Castrop mit vielen Gegenpressingaktionen, auch Gyamerah ist vorne dabei. Dahinter klafft eine (zu) große Lücke.

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Einzigartiges Spielerprofil im Nürnberger Kader

Florian Flick ist mehr der absichernde Part, der lieber den Raum verteidigt als aktiv das Duell zu suchen. Castrops häufiger Nebenmann im Zentrum – Can Uzun – verfügt über wahnsinnige Qualitäten. Die wenigsten davon liegen aber in der Balleroberung. Auch Spieler wie Taylan Duman, Lukas Schleimer und andere Kandidaten, die auf der Acht spielen können, haben ihre Stärken woanders. Von daher ist der Club in der aktuellen Kadersituation abhängig von Castrop – und davon, dass dieser bald wieder öfter richtige Entscheidungen im Zweikampf trifft. Im Fußball wird häufig über „Entscheidungsfindung“ gesprochen. In der Offensive ist es normal, dass ein junger Spieler nicht immer den richtigen Augenblick für Dribbling, Abspiel oder Torschuss wählt. Ähnliches gilt für Talente in der Abwehr – wann rücke ich raus und wann sichere ich die Tiefe. Bei Castrop ist das Problem der Entscheidungsfindung auch offensichtlich – wann gehe ich mit welcher Intensität und in welcher Situation in den Zweikampf. Hier hat er Luft nach oben. Viel Luft nach oben.

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