Flexibles Nürnberg: so straft Fiél seine Kritker Lügen – Analyse

Im Nürnberger Umfeld wurde vor einigen Wochen noch Flexibilität vermisst. Diese Kritik läuft einige Spiele später komplett ins Leere. Der CLUBFOKUS analysiert die taktischen Anpassungen von Club-Trainer Fiél und dessen Trainerteam.

Cristian Fiél FC Nürnberg Analyse Taktik Flexibilität
Foto: FCN

Zu ausrechenbar, zu unflexibel, kein Plan B

So ähnlich lautete der Tenor einiger Clubfans vor erst wenigen Wochen. Zu unzufrieden war man über die ersten Auftritte des 1. FC Nürnbergs in der Rückrunde. Unzufriedenheit und Kritik waren ja auch verständlich. Einige Spiele waren schlicht und ergreifend nicht gut genug für die eigenen Ansprüche. Und dennoch schoss der ein oder andere vermutlich einen Tick über das Ziel hinaus. Zur Kritik am Festhalten des 4-3-3-Systems sei auch gesagt, dass ein 4-3-3 nicht gleich ein 4-3-3 ist. Es macht einen riesigen Unterschied, ob sich die Außenverteidiger sehr hoch und sehr breit positionieren, in das Zentrum einrücken oder als Absicherung hinten bleiben. Und das ist lediglich ein Beispiel für eine Position auf dem Spielfeld. Auf die verschiedenen Möglichkeiten der anderen Positionen einzugehen, spare ich mir an der Stelle.

Flexibilität im Rahmen von Prinzipien

Die Frage ist zunächst, was überhaupt „flexibel“ bedeutet. Und braucht es Flexibilität überhaupt? Selbstverständlich muss man als Mannschaft und als Trainerteam auf veränderte Spielsituationen und Gegner reagieren. Und dennoch ist es gleichzeitig wichtig, seiner eigenen Idee und seinen eigenen Prinzipien treu zu bleiben, um eine Entwicklung voranzutreiben.

St. Pauli-Coach Fabian Hürzeler im MillernTon-Podcast über Prinzipien.

Innerhalb dieser Prinzipien sind aber Anpassungen natürlich immer notwendig. Dies gelang dem FCN zuletzt sehr gut. Man veränderte sein Spiel, ohne sich komplett von seiner Spielidee zu verabschieden. Nach wie vor sind einige Muster klar wiederkehrend im Nürnberger Spiel. Ein Beispiel hierfür ist, dass man das gegnerische Pressing immer so umspielen möchte, dass man den Raum hinter dem Druck findet und von dort aus das Spiel beschleunigen oder verlagern möchte. Auch, dass man nach einem Chipball in Richtung Andersson mit viel Personal nachschiebt, um möglichst in Gleich- oder Überzahl auf das gegnerische Tor zuzulaufen, ist „normal“. Selbiges gilt für die Struktur bei eigenem Abstoß – hier formiert sich die Viererkette sehr flach und zumeist Flick und Castrop davor, um möglichst viele flache Anspielstationen zu haben.

Fiéls Flexibilität: nichts Neues

Dass der Club vor allem gegen den Ball in einer sehr variablen Struktur agiert, ist nicht neu, sondern in der Rückrunde normal. In der Hinrunde war es zumeist ein 4-3-3 oder 4-2-3-1 gegen den Ball. Je nach Positionierung des Gegners und je nachdem, ob man im Mittelfeld eher mann- oder raumorientiert verteidigen wollte. Das ist in 2024 anders. Schon im 1. Spiel gegen Hansa Rostock war es mehr eine Art 4-1-3-2, in welchem Castrop im Zentrum für viele Balleroberungen sorgte. Auch in den Partien gegen Hannover, Wehen und Co. wurde das Spiel gegen den Ball deutlich an den Gegner angepasst und situativ ließ sich sogar Goller in die Abwehrkette neben dem Rechtsverteidiger zurückfallen. Zumeist wollte man relativ hoch stören. Das änderte sich spätestens in den letzten 3 Partien. Das zeigt auch die Statistik: in den Partien gegen Fürth, Braunschweig und Magdeburg lag die durchschnittliche Höhe einer eigenen Defensivaktion bei 20.7 Metern vor dem eigenen Tor – in der bisherigen Saison waren es zuvor im Schnitt 28.2 Meter. Anstatt den Ball hoch zu erobern, verteidigt man mittlerweile sehr viel im Raum, um den Platz zwischen den Linien für den Gegner möglichst eng zu halten. Das zeigt auch die Anzahl der Balleroberungen: in den letzten 3 Partien fanden 63% dieser im Abwehrdrittel statt, zuvor waren es 48%.

Paradebeispiele Fürth, Braunschweig und Magdeburg

Dass Fiél zuletzt viele richtige Entscheidungen getroffen hat, zeigen alleine die letzten 3 Begegnungen. Und ja, dazu gehört auch das Derby. Denn in Gleichzahl sah das richtig gut aus – sowohl im Umschaltspiel nach vorne, als auch in der Struktur gegen den Ball. Gegen Fürth formiere man sich im Spiel gegen den Ball in einem 4-4-2 mit 2 flachen Viererketten. Eine Woche später im Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig war es ein 4-3-1-2 mit Uzun hinter Goller und Andersson. Und am Wochenende in Magdeburg startete man mit einem 4-3-2-1 in die Partie bei gegnerischem Ballbesitz, das sich im Laufe des Spiels und je nach Situation aber veränderte. (Mehr dazu könnte ihr auch gerne nochmal in unserer Spielanalyse nachlesen.) Viel flexibler geht wohl nicht.

Ähnlich verhält es sich ja auch im eigenen Ballbesitz. Auch hier attackiert und besetzt man je nach Gegner andere Räume. So agierte man im Derby mit vielen Spielverlagerungen und positionierte die beiden Außenverteidiger tiefer und breiter als gewohnt, was laut Fíel an das Anlaufverhalten der Fürther angepasst war. Gegen Braunschweig positionierte man sich sogar in einer Art 3-3-1-3, in welchem Goller und Duman den Flügel rechts sowie Wekesser und Brown den Flügel links überladen. Dies war dem sehr zentrumsbasierten 5-3-2 der Gäste aus Braunschweig geschuldet. Und zu guter Letzt das Spiel in Magdeburg: hier reicht wahrscheinlich alleine die Umstellung von Gyamerah und Castrop zu nennen, die dem Spiel eine entscheidende Wendung gab.

Ein Schritt zurück, zwei nach vorne?

„Man könnte es darauf runterbrechen, dass ich lieber 4:3 gewinne als 0:0 spiele. […] In der immer besser werdenden 2. Liga muss man aber auch richtig gut verteidigen, sonst kannst du offensiv spielen wie du willst, dann wird es schwer.“

Cristian Fiél
bei seinem Amtsantritt als Cheftrainer des 1. FC Nürnberg.

Nicht nur das Zitat, auch Fiéls Bewunderung für Pep Guardiola lässt darauf hindeuten, dass er wahrscheinlich selbst gerne etwas aktiver beziehungsweise höher verteidigen lassen würde, als in den letzten Partien. Aber als Trainer gilt es, Anpassungen zu treffen. Anpassungen an Gegner, Situation und an die eigenen Spieler. Und deshalb sei auch erwähnt, dass ein hohes Pressing mit Sebastian Andersson und Can Uzun wahrscheinlich nicht immer einfach ist. Denn Andersson wird wahrscheinlich nicht mehr der intensivste Anläufer werden und auch Can Uzun hat hier seine Schwächen. „Wir wissen alle, dass Can Uzun mit Ball deutlich besser ist als gegen den Ball“ – bestätigte auch Fiél indirekt vor ein paar Wochen. Man kann also durchaus davon ausgehen, dass der Club in Zukunft unter Fiél auch wieder das Bestreben nach Balleroberungen in höheren Regionen des Spielfeldes haben wird.

Trust the process

Insofern sind die getroffenen Anpassungen von Cristian Fiél und dessen Trainerteam zuletzt absolut wichtig und richtig gewesen. Die Tabellensituation spricht nun für sich: das Ziel einer sorgenfreien Saison steht nicht in Gefahr. Selbstverständlich ist noch lange nicht alles Gold, was glänzt. Auch die letzten Partien hatten Luft nach oben, das steht zu 100% außer Frage. Und dennoch kann man von einem Reifeprozess und einer positiven Entwicklung sprechen – oder wie man in England sagen würde: trust the process.

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