FCN-Auswärtssieg: Effizienz schlägt Statistik

Warum Nürnberg in Kiel trotz schwacher Zahlen drei Punkte holt.

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Foto: DO IT NOW Media

Überraschung

Bereits vor dem Anpfiff sorgte der 1. FC Nürnberg mit seiner Aufstellung beim Auswärtsspiel in Holstein Kiel für eine Überraschung. Miroslav Klose beorderte Tarek Buchmann in die Startelf – er bekam den Vorzug vor Styopa Mkrtchyan, während FCN-Kapitän Fabio Gruber verletzungsbedingt passen musste. Auch Henri Koudossou, Rabby Nzingoula, Rafael Lubach und Mohamed Ali Zoma waren im Vergleich zur Vorwoche neu von Beginn an dabei.

Klarer Fokus

Schon in den Anfangsminuten sollte man klar erkennen, wie der Club beim Tabellenvorletzten der 2. Bundesliga zum Erfolg kommen wollte. Man wollte vor allem nach Balleroberung schnell vertikal spielen und das Tempo hoch halten. Offensiv waren dafür vor allem Mohamed Ali Zoma, Julian Justvan und Rafael Lubach die Akteure, die den Unterschied machen sollten. Während Zoma mehr oder weniger alleine in der vordersten Reihe auflief, agierte Justvan relativ zentral und leicht hängend dahinter. Lubach hingegen driftete immer wieder weit auf den linken Flügel.

Bevor der FCN aber erstmals jubeln durfte, hätte man fast den Gegner zur Führung eingeladen. Ausgerechnet der bis hierhin so stabile Adam Markhiyev vertändelte den Ball im eigenen Strafraum, Jan Reichert konnte den gegnerischen Abschluss jedoch entschärfen. Auch in der Folgezeit streuten sich bei Markhiyev ungewohnte Fehler ein, wenngleich er gegen den Ball später vieles wegverteidigen konnte – und unter anderem mit 20 Balleroberungen die meisten der Franken verzeichnete.

Doppelschlag

Nach 14 Minuten sollte der erste Treffer fallen. Vorausgegangen war eine Nürnberger Balleroberung weit in der eigenen Hälfte. Gegen die offensiv positionierten Kieler belief Zoma den freien Raum am rechten Flügel, zog fast bis zur Grundlinie und brachte die Hereingabe, die Justvan mit gutem Timing in der Spielfeldmitte erlief und mit seinem schwächeren rechten Fuß zur Führung vollendete.

Auch das 0:2 entstand ähnlich, wie man es sich im Vorfeld erhofft haben dürfte. Ein zweiter Ball landet bei Tom Baack, der sofort die Tiefe hinter der hochstehenden gegnerischen Abwehr bespielt. Den darauffolgenden Querpass Lubachs vollendet abermals Justvan.

Viel Kiel

Daraufhin sah man jedoch längere Zeit keine Umschaltsituation der Franken, stattdessen dominierte Kiel. Im eigenen Ballbesitz suchte man nun schnell den langen Ball, wodurch man das mannorientierte Pressing kaum bespielen konnte. Am Ende der Partie stand mit 74% die niedrigste Passquote, die es in Nürnberg je unter Klose gab.

Mit der Spielanlage der Walter-Elf hatte der FCN auch seine Probleme in der Defensive. Zwar agierte man gegen den Ball relativ variabel, sodass sich je nach Spielsituation verschiedene Strukturen ergaben, lief aber viel hinterher – ohne Druck auf den Ball zu bekommen. So verstand es Kiel beispielsweise mit fortlaufender Spieldauer, Buchmann aus der Kette herauszulocken und den sich dahinter öffnenden Raum zu belaufen und zu bespielen. Auch das gegnerische Spielen und Gehen sorgte für Unordnung und wurde phasenweise nicht gut aufgenommen.

Flankenprobleme

Die meiste Torgefahr ließ Nürnberg nach gegnerischen Hereingaben zu. Das Timing der hochstehenden Abwehr passte hier jedoch nie. Vor allem, wenn Holstein fußverkehrt flanken konnte, verteidigte der Club in der eigenen Box ungenügend. So auch beim 1:2 Kapraliks – Lochoshvili fehlt in seinem gewohnten Raum, da er zuvor weit nach rechts mitverteidigen musste. Berkay Yilmaz lässt sich am zweiten Pfosten zu leicht abkochen – und in der Mitte kann der Torschütze unbedrängt einschieben.

Bis zum 2:2 von Davidsen, das spät in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit fiel, passierte auch noch einiges. So wurde der FCN unter anderem nach einer einstudierten Eckball-Variante gefährlich, hatte in der Defensive aber auch mehrfach Glück, den Ausgleich nicht schon vorher zu kassieren. Nach einer Hereingabe aus dem linken Halbfeld, die erneut schlecht verteidigt wurde, war es dann soweit. Mit dem Ausgleich ging es in die Pause, was für die Nürnberger Mannschaft angesichts der letzten Wochen und der verspielten Führung sicherlich nicht einfach zu verdauen war.

Nicht mehr offen

Zur Halbzeit blieb der gelb-rot-gefährdete Nzingoula in der Kabine und wurde durch Noah Maboulou ersetzt. Der junge Angreifer wurde auf der rechten Seite in ungewohnter Rolle eingesetzt, gab einen sehr unglücklichen Auftritt ab – und wurde in der Schlussphase schon wieder ausgewechselt.

Ansonsten verlor das Spiel nach der Pause an Tempo und spektakulären Aktionen. Das lag vor allem daran, dass der Club an einem offenen Fußballspiel nicht mehr interessiert gewesen zu sein schien. Mittlerweile verteidigte man zumeist zurückgezogen im 4-4-2, die sieben hohen Balleroberungen waren auch der Tiefstwert der Rückrunde. Was man aber weitgehend schaffte, war, den Kielern keine klaren Abschlüsse zuzugestehen. Weniger individuelle Aussetzer und weniger Freiräume für den Gegner trugen unter anderem dazu bei.

Nur ein Moment

Offensiv fand der FCN hingegen so gut wie gar nicht mehr statt. Der Zeitpunkt der Balleroberung glich nahezu dem des Ballverlustes. Die Statistiken zur zweiten Halbzeit sprechen eine entsprechend klare Sprache. 1:7 Schüsse, 1:17 Strafraumaktionen, 37%:63% Ballbesitz und 65%:84% Passquote stehen aus Nürnberger Sicht zu Buche. Dass aber bei der einzig wichtigen Statistik – der Anzahl der Tore – ein Plus bei den Franken steht, hängt mit der gnadenlosen Effizienz zusammen.

Der einzige Abschluss im zweiten Durchgang wurde aber auch gut herausgespielt. Der Ball landete erst beim eingewechselten Finn Ole Becker, Kiels Defensive steht schlecht positioniert und den Steckpass vollendet Zoma nach Dribbling ins lange Eck zur 2:3-Führung. Nicht nur, weil er das Spiel dadurch entschied, war der Offensivspieler auch ansonsten einmal mehr essenziell für das Spiel der Franken, da er Bälle behauptete, die Tiefe im richtigen Moment attackierte – und zwei Scorerpunkte beisteuerte.

Wichtiger Sieg

Später stellte man auf eine Fünferkette um – und brachte den Sieg über die Zeit. Im Nachgang war man vor allem glücklich darüber, dass man in der zweiten Halbzeit trotz des bitteren Ausgleichtreffers als Team zusammenstand und geschlossen verteidigte. Tatsächlich waren Körpersprache und Energie nicht mit der aus der Vorwoche gegen Düsseldorf vergleichbar. Dass Kiel dennoch insgesamt sechs Kilometer mehr abspulte, wäre bei einem anderen Spielausgang vielleicht dennoch kritischer beäugt worden – ebenso wie die obigen Zahlen zum Spiel.

Insgesamt steht somit ein schmeichelhafter Sieg zu Buche, in dem man zu Beginn einige gute Aktionen – vor allem im Umschaltspiel – verzeichnete, später aber den Zugriff verlor. Umso wichtiger sind die drei Punkte tabellarisch, da man dadurch den Vorsprung auf den Relegationsplatz auf aktuell sieben Zähler vergrößern kann – und vorläufig etwas Ruhe in Nürnberg einkehren lässt.