Der 1. FC Nürnberg schlägt sich selbst!

Fast alle Gegentore des 1. FC Nürnbergs beim 0:4 gegen Holstein Kiel wären unabhängig von der frühen Unterzahl vermeidbar gewesen, weswegen die Leistung nicht nur mit "unglücklich" abgetan werden kann. Trotzdem hätte sich nach den ersten 10 Minuten eine spannende Partie entwickeln können. Der CLUBFOKUS analysiert die Partie: inklusive Spielerbenotungen.

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Foto: fcn.de

Nürnbergs Rückpässe als Kieler Pressingauslöser

Von Beginn an zeigten die Gäste, dass sie nicht zufällig auf dem 2. Tabellenplatz stehen. Auch die vorausgegangenen 3 zu-Null Siege und das entsprechende Selbstvertrauen zeigte sich früh. Die Fiél-Elf startete mit einer ähnlichen Struktur im eigenen Ballbesitz, wie man sie in der Vorwoche in Berlin sah. Je nach Situation ließ sich Flick zwischen Jeltsch und Horn fallen, die beiden Außenverteidiger Gyamerah und Brown rückten dafür auf die 6. Die Gäste zeigten sich aber darauf gut eingestellt und agierten sehr mannorientiert, wenn Nürnberg zu dritt aufbaute. Kiel stellte diesen hoch zu und hatte klare Signabälle, durch welche sie aktiv nach vorne verteidigten: Quer- und Rückpässe im Nürnberger Spielaufbau. Paradebeispiel ist bereits die 3. Minute, als Horn zurück auf Klaus passt. Das Ganze entsteht, weil Kiel zunächst sehr gut die Passwege in die nächste Ebene zustellt und Horn deshalb nur der Rückpass bleibt. In der Folge sprintet Skrzybski durch und läuft auch Klaus aktiv an. Nachdem dieser den Ball Bernhardsson in die Füße spielt, vergibt der Schwede aber freistehend.

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Kiel zwingt Horn zum Rückpass und läuft diesen bis zu Torhüter Klaus konsequent durch. Nach dessen Ballverlust wäre die Gästeführung um ein Haar nach lediglich 3 Minuten perfekt gewesen.

Was wäre, wenn…?

Szenarien mit einem anderen Spielausgang bleiben nach der Partie Konjunktiv und Wunschdenken. Und dennoch wäre es natürlich spannend gewesen, die Partie mit 11 gegen 11 über einen längeren Zeitraum zu sehen. Der Nürnberger Matchplan sah es vor, das Spiel mit eigenen Ballbesitzphasen und durchaus hohem Verteidigen offen zu gestalten. Und tatsächlich attackierte der Club den Kieler Spielaufbau in den ersten 10 Minuten aktiv. So stellte man beispielsweise den gegnerischen Abstoß früh zu und stellte auch aus dem Spiel heraus mit Holtby und Sander die 6er der Gäste zu. Die Nürnberger Ballbesitzphasen fanden allerdings fast ausschließlich im eigenen Drittel statt. Nur selten schaffte man es, das Kieler Pressing zu überspielen. Wenn doch, ergaben sich logischerweise viele Räume. So auch in der 10. Minute, als man sich mal befreien konnte. Jeltsch findet Hungbo, der auf Castrop weiterleitet. Castrop setzt sich gut durch, verlagert auf Brown und am Ende kommt Uzun nicht ungefährlich im Strafraum zum Abschluss. Viele Offensivaktionen folgten danach nicht mehr – vor allem weil kurz danach Hungbo mit der Ampelkarte vom Platz gestellt wurde. Was sicherlich auch wieder unter die Kategorie „was wäre, wenn…?“ fällt.

Kieler Spiel zwischen und hinter den Linien

In Unterzahl fiel der Club sehr tief. Erst verteidigte man im 4-4-1, interessanterweise mit Castrop als rechten Mittelfeldspieler und Schleimer im Zentrum. Nach einigen Minuten stellte Fiél auf ein 5-3-1 um, da durch die Überzahl auch die Kieler ihre Struktur veränderten. In Gleichzahl baute die Elf von Gästetrainer Marcel Rapp häufig aus dem 3-2 (3 Innenverteidiger, 2 6er) auf. Dies änderte sich, da Lewis Holtby sich deutlich höher positionierte und immer wieder Freiräume zwischen den Nürnberger Linien fand. Die beiden Kieler Schienenspieler schoben sehr hoch, die 3 Spitzen Machnio, Skrzybski und Bernhardsson positionierten sich sehr hoch, wodurch die 5 Nürnberger Abwehrspieler gebunden waren. Dazu kam der bereits erwähnte Holtby, der sich wie bereits vor dem Spiel thematisiert sehr viel bewegte und immer wieder freie Räume besetzte. Das gelang so gut, weil Holstein Kiel die Überzahl auch extrem gut ausspielte und durch die vielen Bewegungen sowie Rochaden ohne Ball es der Fiél-Elf schwermachte, Druck auf Ball und Gegner zu bekommen. In der Folge schafften es die Gäste häufig, vor die Nürnberger 5er-Kette und das ein oder andere Mal auch hinter die Nürnberger Abwehr zu kommen.

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Häufig gesehenes Bild bei 10 gegen 11. Sehr gutes Positionsspiel der Gäste, gegen welches der Club in Unterzahl keinen Zugriff bekam.

Trotz Unterzahl: fast alle FCN-Gegentore vermeidbar

Zusammenfassend kann man behaupten, dass Holstein Kiel genau das machte, was eine Mannschaft in Überzahl machen sollte: mit sauberem Positionsspiel und vielen Bewegungen Ball und Gegner laufen lassen. Andererseits machte der 1. FC Nürnberg genau das, was eine Mannschaft in Unterzahl nicht machen sollte: Standardsituationen schlecht verteidigen und mit eigenen Fehlern Chancen und Tore herschenken. Schließlich wären mindestens drei der vier Gegentore unabhängig von einer Unterzahl vermeidbar gewesen. Beim 0:1 kam Ivezic nach einer Ecke ungestört zum Kopf. Das 0:2 von Machino leite Gyamerah mit einem Einwurf in die Füße von Skrzybski ein und beim 0:4 von Remberg verlor Wekesser den Ball am eignen Sechzehner. Selbst beim 0:3 durch einen sehenswerten Schuss von Bernhardsson war Okunukis orientierungslos wirkende Raumverteidigung nicht zwingend durch eine Unterzahl begründet.

Reaktion vom FCN nach der Halbzeit

Nachdem man nach dem 0:3-Pausenrückstand das Schlimmste befürchten musste, war zumindest 25-30 Minuten nach der Pause eine Reaktion auf Nürnberger Seite zu erkennen. Ja, die Gäste nahmen mit einer komfortablen 3-Tore-Führung im Rücken das Tempo raus. Trotzdem verteidigte der Club in seinem 5-3-1 kompakter. Sowohl in der Horizontalen als auch Vertikalen waren die Abstände enger, wodurch die Kieler seltener zwischen und hinter die FCN-Ketten kamen. Auch mit Ball verlor man nicht mehr so viele Bälle und verzeichnete längere Ballbesitzphasen. Zudem konnte die einzige Spitze Goller mit ihrem Tempo durch erlaufene lange Pässe zumindest ansatzweise Torgefahr entwickeln. Diese Phase des Spiels zeigte, wie es hätte auch trotz Unterzahl laufen können. Auch wenn man nochmals betonen muss, dass die Kieler mindestens einen Gang zurückschalteten.

Insbesondere bei einer solch langen Unterzahl gestaltet sich die Einzelkritik schwierig. Zur Info: nach mehreren Anfragen gibt es die Notengebung ab nächster Woche in höherer Auflösung.

Trotz Unterzahl: schlechte Nürnberger Leistung

Die wenigen Minuten in Gleichzahl zeigten bereits, dass dem 1. FC Nürnberg an diesem Spieltag einer der stärksten Mannschaften der 2. Bundesliga gegenüberstand. Gleichzeitig deutete der FCN auch an, dass man durchaus über die Werkzeuge dazu verfügte, das Kieler Pressing zu überspielen. Demzufolge hätte sich eine spannende Partie entwickeln können. Doch der frühe Platzverweis von Hungbo änderte vieles. Trotzdem war es ab dieser Schlüsselszene nicht nur ein unglücklicher, sondern auch ein schlechter Tag des Clubs. Denn auch in Unterzahl und auch gegen den Tabellenzweiten hätte man besser verteidigen können. Freilich kann man über das fehlende Fingerspitzengefühl des Schiedsrichter diskutieren. Da der FCN allerdings schon zum 6. Mal ein Spiel zu Zehnt beendeten musste – kein Team der 2. Bundesliga häufiger – sollte man bei sich selbst bleiben. Durchaus angenehm war die Reaktion von Cristian Fiél auf der Pressekonferenz, der die Richtigkeit der Hinausstellung von Joseph Hungbo nicht bezweifelte, sich aber trotzdem vor seinen Spieler stellte:


„Ich glaube, dass das wichtig für ihn sein kann, weil ich mir fast sicher bin, dass ihm das nicht nochmal passieren wird. [..] Jetzt gilt es, dass wir ihn wieder aufbauen. Der Junge hat Qualität. Jetzt braucht er unsere Hilfe.“

Cristian Fiél
zu Joseph Hungbo und seinem frühen Platzverweis


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