Warum der FCN in Cottbus lange Zeit Probleme hatte

43 Ballverluste in nur 30 Minuten: Der 1. FC Nürnberg fand zunächst kaum in sein Spiel – und erst spät die richtigen Lösungen.

1. FC Nürnberg FCN News CLUBFOKUS Analyse Javier Fernandez Adam Markhiyev Piet Scobel
Foto: DO IT NOW Media

Alles wie erwartet

Die Startformation veränderte sich beim 1. FC Nürnberg in dieser Saison nur, wenn es unbedingt notwendig war. So auch beim Auswärtsspiel des FCN am Freitagabend bei Energie Cottbus. Trainer Miroslav Klose verzichtete auf weitere Umstellungen, sodass erneut Rayan Ghrieb den Vorzug in der Offensive erhielt und auf dem rechten Flügel begann, während Julian Justvan die Zehnerposition einnahm.

Doch nicht nur personell, sondern auch aufgrund der Herangehensweise beider Mannschaften bekam man ziemlich genau das, was zu erwarten war: viel Offensive und Aktivität auf beiden Seiten.

Unsaubere Nürnberger

Dass der Club in der bisherigen Zweitligasaison die höchste Passquote verzeichnet, war zu Beginn allerdings kaum zu erkennen. Cottbus störte den Nürnberger Spielaufbau erwartungsgemäß hoch. Aus dem nominellen 4-2-3-1 versuchten die Lausitzer, die Franken auf eine Seite zu lenken, um dort anschließend aggressiv zuzupacken.

Dafür verschob die offensive Dreierreihe extrem auf eine Seite, sodass beispielsweise der ballferne Flügelspieler den ballfernen Nürnberger Sechser zustellte. Der dadurch entstehende Freiraum auf der gegenüberliegenden Seite blieb vom Club allerdings über weite Phasen ungenutzt, wenngleich Cottbus allgemein gut eingestellt war und auch ballfern dann beispielsweite mutig mit dem eigenen Außenverteidiger weit nach vorne verteidigte, um Druck auf den Passempfänger auszuüben.

Vor allem zu Beginn agierte Nürnberg extrem unsauber im Passspiel, hatte wenig Geduld und kam kaum in eine ruhige Ballzirkulation. Entsprechend selten gelang es auch, kontrolliert in den Rücken der gegnerischen Abwehr zu kommen. Stattdessen waren zahlreiche Ballverluste die Folge – 43 in der ersten halben Stunde bedeuteten den Saisonhöchstwert.

Cottbus mit Chancen

Der Drittligaaufsteiger suchte nach Ballgewinnen schnell den Weg auf die Flügel, wo man das Spiel sehr breit anlegte. Von dort aus folgten entweder Hereingaben oder Läufe und Pässe in die Tiefe. Aber auch aus dem eigenen Ballbesitzspiel heraus verstand es die Mannschaft von Pele Wollitz durchaus, dem FCN Probleme zu bereiten.

Der Club verteidigte gewohnt im Mann-gegen-Mann. Dennoch gelang es Cottbus relativ häufig, das Spiel flach zu eröffnen und die Offensivspieler einzusetzen. Teilweise waren die Anlaufwinkel der Franken nicht ideal, manchmal reagierte man gedanklich zu langsam, wodurch die Zuordnung nicht stimmte.

Gleichzeitig machte es Cottbus aber auch gut, zeigte verschiedene Variationen im Spiel nach vorne und brachte immer wieder viel Personal in den Nürnberger Strafraum. Auch hier hatte der FCN Schwierigkeiten mit der Zuordnung, sodass Energie in der Anfangsphase zu einigen klaren Abschlüssen kam und dem Führungstreffer deutlich näher war.

„Wir kommen gut ins Spiel, mit der richtigen Intensität und hatten gute Momente“, lobte Wollitz seine Mannschaft, die über Cigerci und Co. immer wieder spielerische Akzente setzte. Gleichzeitig waren die Lausitzer auch in den direkten Duellen zunächst meist überlegen. Sie gewannen in den ersten 30 Minuten 71% ihrer Defensivzweikämpfe für sich, auf Seiten des Clubs waren es lediglich 50%.

Janisch-Läufe sorgen für Gefahr

Nach etwa 20 Minuten schaffte es der FCN zumindest phasenweise, das Spiel zu beruhigen und den Ball länger in den eigenen Reihen laufen zu lassen. Gefährlich wurde es vor allem über die rechte Seite.

Auffällig war, dass Ghrieb erneut die Breite besetzte, während Rechtsverteidiger Tim Janisch häufig in den Halbraum einrückte. Von dort aus streute er einige gefährliche Tiefenläufe ein.

So brachte er beispielsweise in der 25. Minute den Ball vom Flügel auf Mohamed Ali Zoma ins Zentrum, dessen Abschluss über das Tor ging. In der 37. Minute hätte Janisch den Club beinahe selbst in Führung gebracht. Erneut startete er aus dem Halbraum in die Tiefe, erhielt den Ball und scheiterte schließlich mit der Innenseite am Pfosten.

Zoma-Verletzung

Dennoch war es insgesamt keine sonderlich gute erste Halbzeit des Clubs, der beispielsweise auch weniger Pässe in der gegnerischen Hälfte und im letzten Drittel spielte als Cottbus. Erschwerend kam hinzu, dass Topstar Zoma die Partie aufgrund einer Schulterverletzung vorzeitig verlassen musste.

Verdiente Führung

Auch nach der Pause wurde es aus Nürnberger Sicht zunächst nicht besser. In der 47. Minute wäre die Heimmannschaft beinahe in Führung gegangen. Nach einer Hereingabe von der linken Seite kam Stürmer Butler frei zum Kopfball, verfehlte das Tor jedoch knapp.

Besser machte es der Cottbuser knapp zehn Minuten später. Die Entstehung hatte sich dabei durchaus angedeutet: Sobald sich Energie im Übergangsspiel einen freien Fuß erspielte, wurde die Tiefe konsequent belaufen und bespielt.

So auch in der 56. Minute. Michelbrink spielte einen Pass aus der eigenen Hälfte in den Rücken der Nürnberger Abwehr. Bittencourt erlief den Ball und legte auf den freistehenden Butler quer. Eine Führung, die zu diesem Zeitpunkt verdient war.

Viel Ballbesitz

Spätestens von nun an hatte der FCN zwar viel Ballbesitz, zunächst aber weiterhin wenig Torgefahr und kaum Aktionen im gegnerischen Strafraum. Nach der Pause verzeichnete Nürnberg am Ende sogar 71% Ballbesitz. Lange Zeit gelang es Energie jedoch, dem Club trotz der nun tieferen Positionierung wenig Raum zu geben. Immer wieder verschoben die Lausitzer weit zur Ballseite, von der sich Nürnberg zu selten befreien konnte.

In der Schlussviertelstunde änderte sich das allerdings. Die Klose-Elf konnte sich zunehmend rund um den Strafraum festsetzen. Cottbus schaffte es nicht mehr, das Spiel zu beruhigen und selbst längere Ballbesitzphasen einzustreuen. Das könnte zumindest teilweise auch mit der Auswechslung des erfahrenen Bittencourt zusammengehangen haben.

Zahlreiche Nürnberger Flanken und Hereingaben waren die Folge – zehn der 19 Flanken erfolgten nach der Stundenmarke. Nachdem zuvor bereits Piet Scobel mehrfach zum Abschluss gekommen war, traf in der 79. Minute ausgerechnet der eingewechselte Styopa Mkrtchyan bei seinem Comeback. Nach einer Justvan-Hereingabe und einer etwas glücklichen Vorlage von Eric Porstner erzielte er den Ausgleich.

Gerechtes Remis

Daraufhin entwickelte sich eine spannende Schlussphase. Zunächst hatte auch Cottbus noch einige Umschaltsituationen, am Ende war der FCN dem Sieg jedoch näher. Das zeigt sich auch daran, dass die Anzahl der Strafraumaktionen in den letzten 30 Minuten mit 18 zu fünf klar zu Gunsten der Klose-Elf spricht.

Unter dem Strich steht nach 90 Minuten dennoch ein gerechtes Remis gegen einen mutigen und sehr intensiven Gegner. Der Club erwischte dabei nicht seinen besten Tag, zeigte lange Zeit ungewohnte technische Fehler und traf zu häufig die falschen Entscheidungen.

Nachdem der FCN in der Vorwoche beim 4:4 gegen den VfL Wolfsburg noch zu oft den Raum zwischen Mittelfeld und Abwehr angeboten hatte, gab es diesmal phasenweise Probleme, die Tiefe zu verteidigen. Auch bei gegnerischen Flanken war man nicht immer sattelfest.

„Es war das Spiel, das wir erwartet haben – und vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Man hat zwei gleichwertige Mannschaften gesehen“, war Klose am Ende dennoch nicht unzufrieden mit dem Auftritt seiner Mannschaft. Zumal der FCN mit 18 Punkten aus acht Partien nach wie vor hervorragend in der Tabelle dasteht – jetzt aber vor allem darauf hofft, dass Zoma nicht allzu lange ausfallen wird.