„Verdient, aber zu hoch“ – Warum der FCN Bielefeld 4:1 schlägt

Der 1. FC Nürnberg bleibt nach dem dritten Ligasieg Tabellenführer – hat aber auch das Glück auf seiner Seite.

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Foto: DO IT NOW Media

Zwei Wechsel

Am dritten Spieltag der laufenden Zweitligasaison vollzog FCN-Trainer Miroslav Klose zwei Wechsel im Vergleich zum DFB-Pokalspiel in Köln, wo sich der 1. FC Nürnberg knapp durchsetzte. Gegen Arminia Bielefeld durfte Finn Ole Becker wieder anstelle von Rafael Lubach starten, nachdem er zuletzt mit einer Kniereizung passen musste. Deutlich überraschender war der erste Zweitligaeinsatz von Kristian Mandic. Da sich Fynn Otto im Abschlusstraining verletzte, durfte der 18-Jährige von Beginn an als linker Innenverteidiger auflaufen.

Zoma-Moment

Es dauerte bis zur elften Minute, ehe der Club das erste Mal in der Offensive gefährlich wurde. Dass es so richtig gefährlich werden würde, konnte man in dieser Situation aber auch nicht sofort erahnen. Ob ein Tor gefallen wäre, wenn nicht Mohamed Ali Zoma daran beteiligt gewesen wäre? Wahrscheinlich eher nicht, aber aus FCN-Sicht umso schöner, dass er auch über den Sommer hinaus in Nürnberg bleiben wird. Am linken Flügel konnte er mit dem Ball aufdrehen, in Richtung Gegner zulaufen, diesen stehen lassen und extrem gekonnt zur Führung verwandeln.

Das 1:0 hatte sich bis dahin nicht wirklich angedeutet. Die Arminia zeigte durchaus gefällige Ansätze im Spiel nach vorne. Oft schaffte man es, sich über die erste Pressinglinie des Clubs zu kombinieren. Von dort aus wollte man dann entweder das Tempo der Offensive sehr zielstrebig suchen – oder Stürmer Joel Grodowski kam in den Zehnerraum entgegen und wurde mit einem flachen Vertikalpass angespielt. Allgemein positionierte sich Bielefeld mit Ball sehr offensiv, schob aus dem nominellen 4-3-3 heraus beispielsweise die Außenverteidiger weit nach vorne und besetzte mit viel Personal die letzte Linie.

Der FCN war dabei nicht immer sattelfest und kam kaum in Pressingsituationen. Am Ende waren es drei hohe Balleroberungen – und damit so wenige wie zuletzt im November 2025. Der Arminia fehlte es aber oftmals am letzten Pass. Sicherlich auch, da der Club im eigenen Strafraum dann doch rechtzeitig mit viel Personal zur Stelle war, Hereingaben entschärfen konnte und auch die Winkel der gegnerischen Abschlüsse noch oft verkürzen konnte.

Wirkungstreffer

Das zweite Tor erzielte aber dennoch der Club. Vorausgegangen war ein Angriff, der mal wieder mit großer Qualität vorgetragen wurde. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch Nürnbergs Linksverteidiger Eric Porstner, der sich gut im halblinken Pocket – also im Zwischenraum im Halbraum – positionierte, den Ball mit dem ersten Kontakt sauber verarbeiten und auf Zoma weiterspielen konnte. Als dieser den Ball am Flügel erhielt, startete Becker zum Vorderlaufen in die Tiefe. Seinen Chipball auf den zweiten Pfosten vollendete Tim Janisch – ein nach Maß vorgetragener Angriff.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Bielefeld durchaus guten Zugriff auf das Spiel und konnte die Franken weitgehend vom eigenen Tor weghalten und sie auch nicht in ihr Ballbesitzspiel lassen. Das änderte sich nach dem 2:0. Bielefeld wollte immer wieder Mann-gegen-Mann-Duelle herstellen, kam aber nicht mehr in die Duelle. In den nächsten Minuten war der Gast permanent den berühmten Schritt zu spät im Zweikampf. Der letzte Mut, am Gegenspieler anzudocken und bei der Annahme zu stören, fehlte. Stattdessen waren die Nürnberger im ersten Kontakt sehr sauber, kamen oftmals zwischen die Linien und ließen dadurch in dieser Phase Ball und Gegner nahezu nach Belieben laufen.

„Wir haben erst mit dem 2:0 mehr Vertrauen gewonnen. Die Passabstände waren kürzer – und Bielefeld dann nicht mehr ganz so mutig“, sah es Klose ähnlich. Eine wichtige Rolle spielte dabei auch Becker, der für die Arminia nie zu greifen war und sich immer wieder schlau zwischen den Linien bewegte – oder sehr kurz kam und dadurch viel Raum in seinem Rücken öffnete.

Statistik ad absurdum geführt

Das 3:0 von Adam Markhiyev in der 38. Minute dürfte dann auch unter die Kategorie „wenn es läuft, dann läuft es“ einzuordnen sein. Seinen Distanzschuss fälschte ein Bielefelder unhaltbar ab. Unmittelbar nach dem Anstoß wäre dem Gast fast der 3:1-Treffer geglückt, fand aber im überragend reagierenden Nürnberger Torwart Jan Reichert seinen Meister.

So ging es mit einem klaren 3:0 zur Pause. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir zur Halbzeit 3:0 hinten liegen müssen“, kommentierte DSC-Trainer Oliver Kirch. Die Statistik gibt dem 44-Jährigen durchaus recht. Je nach Datenanbieter unterscheidet sich die Höhe der Expected Goals, der Abschlüsse und Strafraumaktionen. Alle haben aber gemeinsam, dass die xG-Werte relativ ausgeglichen waren, Bielefeld deutlich mehr Abschlüsse und auch mehr Strafraumaktionen hatte. Sicherlich gehören zur Geschichte der Halbzeit mehr als diese Statistiken. Aber dass es der Spielverlauf und das Quäntchen Glück am Samstagabend nicht gerade schlecht mit dem Club meinte, gehört auch zur Wahrheit.

Souverän

Die Gäste steckten auch nach der Pause nicht auf und versuchten, den Anschluss wiederherzustellen. Viele Aktionen gingen dabei über den ehemaligen Nürnberger Henri Koudossou, der viele Wege nach vorne machte – und in den Minuten nach der Pause gleichzeitig viele Nürnberger Kontersituationen schon im Ansatz zunichtemachte. Der FCN, der gegen den Ball nun weniger Risiko ging und öfter mit einer Überzahl in der letzten Linie verteidigte, stellte auch seine Offensive nach der Einwechslung von Rafael Lubach für Julian Justvan um. Lubach ging nach links – und Zoma nach rechts. Kurz darauf fiel das 4:0 durch Markhiyev.

Nicht nur das, auch viele andere Aktionen zeigten den vorhandenen Qualitätsunterschied beider Teams. Auch Kirch erkannte dies neidlos an: „Das erste Tor ist ein überragendes Dribbling nach unserem Ballverlust mit einem super Abschluss. Beim zweiten nimmt der Spieler, der die Flanke schlägt, den Kopf hoch und sieht den freien Spieler am zweiten Pfosten. Dann ist es ein abgefälschter Schuss – und der letzte ist auch richtig, richtig gut abgeschlossen und einfach unhaltbar. Diese Effektivität und Qualität hatten wir nicht.“

Zu hoch

Nach einem unnötigen Ballverlust des Clubs kam die Arminia dann sehenswert aus der Distanz noch zum 4:1-Ehrentreffer. Der FCN hatte dann auch noch einige Umschaltsituationen, aus denen man mehr hätte machen können. Unter dem Strich steht der dritte Sieg im dritten Ligaspiel. Gegen Bielefeld dürfte es für Klose aber dennoch das ein oder andere Anschauungsbeispiel gegeben haben, wo man noch Luft nach oben hat. Gleichzeitig hat es auch gezeigt, dass man den bisherigen Ligagegnern qualitativ schon recht deutlich überlegen war. „Verdient, aber zu hoch“, schätzte Kirch das Ergebnis ein – und bringt es damit auf den Punkt.