FCN und Wolfsburg: Mehr Werbung für die 2. Bundesliga geht nicht

Acht Tore, mehrere Wendungen und eine irre Schlussphase: Der 1. FC Nürnberg und der VfL Wolfsburg liefern ein denkwürdiges Spitzenspiel ab.

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Foto: DO IT NOW Media

Wundertüte

Das Spitzenspiel der 2. Bundesliga zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem VfL Wolfsburg wurde mit viel Vorfreude erwartet. Die dreiwöchige Unterbrechung aufgrund der langen Länderspielpause machte das Duell zwischen dem FCN und den Wölfen dennoch zu einer Art Wundertüte. Würde der Club seinen Lauf und seine guten Leistungen von davor fortsetzen können? Würde der Bundesligaabsteiger an das letzte Spiel vor der Länderspielpause anknüpfen, als man den SV Darmstadt zu Hause mit 5:1 besiegte? Während Miroslav Klose Rayan Ghrieb für den verletzten Finn Ole Becker brachte, nahm Tobias Strobl zwei Änderungen vor – Angely und Fischer durften statt Cleiton und Kumbedi beginnen.

Dass beide Teams das Spiel aktiv angehen wollten, war zu erwarten – und auch nach dem Anpfiff sofort erkennbar. Es dauerte keine Minute, bis Ghrieb den Club hätte in Führung bringen können. Vorausgegangen war eine Balleroberung von Javier Fernandez nach einem technischen Fehler Fischers. Den Rückpass vom linken Flügel ließ Julian Justvan durchlaufen, Ghrieb verpasste den Ball aber ebenfalls.

Starke Gäste

Danach übernahmen die Gäste das Kommando und der Club kam nur selten in die gewünschten Pressingsituationen, was mehrere Gründe hatte. Zum einen machte es der VfL im eigenen Ballbesitz extrem gut, hatte gute Passdistanzen, gut getimte Abläufe und eine hohe Passschärfe. Gleichzeitig war der FCN im Mann-gegen-Mann nicht immer wach, sodass die Rotationen der Gäste für zu viel Unordnung sorgten.

So löste sich beispielsweise der starke Damar oft aus seiner Umklammerung und konnte sich den Ball dann unbedrängt abholen. „Wir haben es einfach nicht geschafft, die Männer zu verfolgen“, monierte Justvan danach. Probleme hatte der FCN auch mit den Abständen zwischen der Innenverteidigung und dem defensiven Mittelfeld. Wolfsburg schaffte es im Übergangsspiel sehr häufig, sich vor die Nürnberger Abwehr zu kombinieren.

Die Innenverteidiger gingen den Weg nach vorne nicht konsequent mit und das Mittelfeld war weit aufgerückt. Folglich konnten Glatzel und Damar hier viele Bälle annehmen und von dort aus das Spiel beschleunigen. Auch in der Restverteidigung waren die Abstände beim Club teilweise zu groß. Wohl nicht ganz zufällig erzielte Damar deshalb das 0:2 aus dem Rückraum, wo er den Ball unbedrängt annehmen und dann sehenswert ins Tor schießen durfte. Der Wolfsburger Führungstreffer resultierte hingegen aus einem Eckball – es sollte nicht das letzte Standardtor sein.

Nürnberger Ansätze

Am Flügel verfolgten beide Teams ähnliche Ideen. Auf Nürnberger Seite zog Rechtsverteidiger Tim Janisch immer wieder in den Halbraum, zog dabei seinen defensiv nicht so starken Gegenspieler Reese weg, während sein Vordermann Ghrieb die Breite besetzte. Es war einer von mehreren guten Nürnberger Ansätzen, die aber nicht vollendet werden konnten – auch weil Ghrieb in der ersten Halbzeit viele unglückliche Aktionen hatte.

Ähnliches versuchte Wolfsburg auf seiner rechten Seite. Der Ex-Nürnberger Fischer, nominell Rechtsverteidiger, schob immer wieder eingerückt weit nach vorne und zog damit Zoma weg. Den frei werdenden Raum sollte Bernhardsson als rechter Flügelspieler nutzen, um sich den Ball tiefer abholen und mit seinem starken linken Fuß spieloffen in die Mitte ziehen zu können. Nach einer solchen Aktion hätte beispielsweise Gerhardt frei vor Jan Reichert schon das 0:2 erzielen können, scheiterte aber erst am Nürnberger Kapitän – und dann freistehend per Kopf an der Latte.

Bessere Gäste

Zur Halbzeit war es deshalb insgesamt eine definitiv verdiente Gästeführung. Wolfsburg hätte sogar noch mehr Tore erzielen können. Piet Scobel bemängelte die fehlende Intensität des Clubs vor der Pause, Klose hätte sich gegen das Mann-gegen-Mann-Pressing Wolfsburgs „mehr Zeigen“ seiner Spieler gewünscht. Gleichzeitig war es in allen Facetten – von der technischen Qualität über die Abläufe bis zur Robustheit in den Zweikämpfen – aber auch ein extrem starker Auftritt der Strobl-Truppe.

FCN dreht das Spiel

Nach der Halbzeit war dann alles anders. Wolfsburg wurde passiver und der FCN drehte so richtig auf. Der 1:2-Anschlusstreffer ist wohl der beste Beleg dafür. Der VfL hatte den Ball in den eigenen Reihen und Raum zum Spielen, drehte aber mehrfach ab, sodass am Ende der Torwart den Ball ins Aus schlug. Den darauffolgenden Einwurf nutzte der Club und Scobel traf sehenswert zum Anschluss – und ließ das Max-Morlock-Stadion erstmals toben.

So richtig eskalierte es dann spätestens in der 59. Minute, als Scobel mit seinem zweiten Tor den Ausgleich erzielte. Justvan löste in der Entstehung eine Drucksituation gut auf – und nach vielen One-Touch-Pässen war Scobel dann frei. Dabei sah man auch, dass Wolfsburg vieles gut beherrscht – das tiefere Verteidigen aber nicht unbedingt zu seinen Stärken zählt. Andernfalls hätte man beispielsweise Vorlagengeber Ghrieb ins Abseits stellen können.

Wie sehr das Spiel kippte, zeigt sich auch daran, dass der Club in der Viertelstunde nach der Halbzeit 68 % Ballbesitz für sich verzeichnen konnte, was vor der Pause noch nahezu undenkbar erschien. Der Wahnsinn hörte aber nicht auf, sondern ging erst so richtig los. In der 63. Minute konnte sich Nürnberg am Flügel befreien – und Porstners Querpass landete bei Zoma, der zur erstmaligen Führung an diesem Abend traf.

Angezündet

„Wenn du das Spiel drehst, da ist so viel Energie drin und wir haben halt auch gemerkt – wir fressen die auf“, kommentierte Justvan diese Phase danach. Es schien, als wäre ganz Nürnberg angezündet und voller Adrenalin. Man störte bei gegnerischem Abstoß den Spielaufbau dann teilweise mit drei Spielern vorne, da Adam Markhiyev nach vorne schob und quasi den Torwart deckte. Mittlerweile verteidigte man auch konsequenter nach vorne – und schaffte es vor allem, sich in den direkten Duellen durchzusetzen. Das beste Beispiel ist vielleicht Piet Scobel, der vor der Pause gegen Hauke Wahl schon an Grenzen zu stoßen schien, dann aber innerhalb weniger Minuten zweimal traf.

Hin und Her

Es entwickelte sich eine Dramaturgie, die nun gefühlt minütlich neu geschrieben wurde. Wolfsburg steckte nach den Rückschlägen, die zunächst tief saßen, nicht auf. Erst erhielten die Gäste einen Elfmeterpfiff, der dann aber doch zurückgenommen wurde, da der Ball vorher im Aus war. Dennoch schafften sie es, in der Nachspielzeit nach einem Eckball auszugleichen. Der eingewechselte Giannis Masouras traf dann aber in der 96. Minute zum 4:3 für den Club – und ließ das Stadion erneut ausrasten, ehe mit der letzten Aktion des Spiels dem VfL – wieder nach einem Eckball – das 4:4 gelang. Eine Schlussphase, in der Konter auf Gegenkonter folgte und es ständig hin und her ging, hatte damit vermutlich genau das Ende bekommen, das sie verdient hatte.

Einordnung?

Nach einem „verrückten und fantastischen Fußballspiel“, wie es Klose bezeichnete, bleibt die Frage, was man mit dem Spiel und Ergebnis anfängt. Aus Nürnberger Sicht hatte man eine ausbaufähige erste Halbzeit gespielt. Vor allem in der Defensive wurden Schwachstellen aufgezeigt. Schwachstellen, die es auch zuvor gab – etwa im Raum zwischen der Innenverteidigung und dem defensiven Mittelfeld und phasenweise auch im direkten Duell am Flügel. Das Gute dürfte sein, dass diese Schwächen wohl kein anderer Gegner so aufdecken wird, wie es Wolfsburg tat.

Das absolut Positive ist, dass der Club in der Lage ist, auf Rückschläge zu reagieren. Und dass man vor allem offensiv über individuelle und kollektive Qualität verfügt, um jedem, aber auch wirklich jedem Gegner der Liga große Schwierigkeiten zu bereiten. Luft nach oben hat man sicherlich auch noch bei ruhenden Bällen. Dass man gegen spielstarke Wolfsburger drei Tore nach Eckbällen kassierte, ist extrem ärgerlich – und gerade das 4:4 beispielsweise auch einfach unnötig.

Zwar überwog bei den Clubprofis nach dem Abpfiff die Enttäuschung. Mit ein paar Tagen Abstand dürfte man dann aber auch Mut und Hoffnung aus dem fulminanten Comeback schöpfen. Eins steht in jedem Fall fest: Mehr Werbung für die 2. Bundesliga geht kaum. Vor allem, da beide Mannschaften zumindest im Spiel nach vorne für die Liga absolut überqualifiziert erschienen.