Eingespielter
Miroslav Klose geht als Trainer des 1. FC Nürnberg in seine dritte Saison. Bislang sah man unter seiner Regie bereits verschiedene Arten, wie der FCN auf dem Feld agieren wollte. „Ich würde sagen, wir sind ein Stück weiter. Wir sind eingespielter“, nennt sein Vize-Kapitän Julian Justvan einen erheblichen Vorteil zur letzten Spielzeit, als der Saisonstart bekanntermaßen nicht funktionierte.
Auch wenn Vorbereitungsspiele bekanntermaßen nicht überbewertet werden sollten, konnte man beispielsweise gegen Real Oviedo – zumindest in der ersten Halbzeit – schon einige Abläufe dieser Eingespieltheit erkennen. Bricht man das Spiel auf eine Grundformation herunter, lässt es sich am ehesten als 4-2-3-1 beschreiben.
Mann-gegen-Mann
Was der FCN aus der Schlussphase der Vorsaison übernahm, ist das Zustellen im Mann-gegen-Mann. Bringt der Torhüter den ersten Ball flach ins Spiel, möchte man sofort eng dran sein und ist auf eine hohe Balleroberung aus. Befindet sich der Ball im Spiel, ist es oftmals der gegnerische Querpass, der das Pressing des Clubs auslöst. Hierbei soll Finn Ole Becker an der Seite von Piet Scobel ganz vorne stören. Verteidigt man etwas tiefer, formiert man sich hingegen vermehrt im Block als im 1-gegen-1. Die Viererkette scheint im Spiel gegen den Ball dabei zunächst fix zu sein.
Raum freiziehen
Was beim Club immer mal wieder variiert, ist die Anordnung beim eigenen Abstoß. Vor dem Torhüter ist es zumeist eine 4-2-Struktur, wird aber auch unterschiedlich interpretiert. Bei der Generalprobe schob beispielsweise Alexios Kalogeropoulos relativ weit weg vom Torwart, um den Gegenspieler mitzuziehen.
Presst der Gegner ganz hoch im Mann-gegen-Mann, versucht der FCN Räume in der Tiefe zu öffnen. Das soll beispielsweise dadurch funktionieren, indem der nominelle rechte Flügelspieler Justvan kurz kommt, seinen Gegenspieler mitzieht und der Ball in dessen Rücken gechippt werden soll. Belaufen soll diesen Raum dann entweder der aus der Dynamik heraus in der Gegenbewegung hochschiebende Rechtsverteidiger – oder Stürmer Scobel bewegt sich etwas nach rechts, um den Ball festzumachen und abzulegen. Ansonsten ist das Spiel über Dritten ein weiteres Element, das wiederkehrt. Also dass der Ball von Spieler A über Spieler C zu Spieler B gespielt wird.

Locken
Ein weiteres Muster, das in der Vorbereitung schon zu einigen Toren führte, ist das Anlocken auf der rechten Seite, um links vorne zu finalisieren. Läuft der Spielaufbau über halbrechts, versucht der FCN oftmals im Zentrum einen freien Mann zu finden. Das kann entweder der Zehner Becker sein, wenn der gegnerische Sechser nicht direkt an ihm klebt, oder aber auch über den Stürmer erfolgen. Ist Becker zugestellt – und dadurch der gegnerische Sechser nicht im Passweg auf Scobel –, versucht man gerne ihn anzuspielen, der den Ball dann im Idealfall durch eine Steil-Klatsch-Kombination auf Becker ablegt.
Erhält Becker durch eines der beiden Szenarien den Ball, erfolgt im Idealfall die Verlagerung auf Mohamed Ali Zoma, der links außen darauf lauert und dann den Weg in Richtung Tor sucht. Beispielsweise das 1:0 gegen Real Oviedo entstand exakt so.

Struktur
Auch das zweite Tor am vergangenen Samstag erzielte der Club aus seiner Struktur heraus. Im höheren Ballbesitz, wenn kein sofortiger Ballverlust droht, schiebt oftmals Adam Markhiyev zwischen oder neben einen der Nürnberger Innenverteidiger. Das ist aber grundsätzlich variabel, sodass auch mal Javier Fernandez abkippen kann oder beide sich versetzt vor der Innenverteidigung positionieren.
Deutlich klarer ist die Positionierung weiter vorne. Hinter Scobel befinden sich fünf FCN-Akteure: zentral Becker, halbrechts der eingerückte Justvan, halblinks der offensiv zum Teil invers agierende Linksverteidiger. Die Breite besetzen links Zoma und rechts der hochschiebende Rechtsverteidiger. So möchte man die Stärken der Spieler bestmöglich in Szene setzen. „Momo ist natürlich besser, wenn du ihn außen anspielen kannst und er im 1-gegen-1 in Richtung Zentrum zieht. Mir ist es natürlich lieber, wenn ich in den Halbraum komme, aufdrehen kann und Doppelpässe oder allgemein spielen kann“, erklärt auch Justvan.
Im Allgemeinen sollen auch viele Bewegungen und Läufe dynamisch erfolgen. Beispielsweise das regelmäßige Vorder- oder Hinterlaufen am Flügel, um den Gegenspieler vor Entscheidungen zu stellen. So sieht man oft bei einem Pass auf die ballferne Seite, dass entweder vor dem Passempfänger ein diagonaler Lauf in die Tiefe erfolgt – oder das Hinterlaufen. Vor Zomas 1:0 gegen den spanischen Zweitligisten war es beispielsweise sein Hintermann Tobias Heß, der zum Hinterlaufen ansetzte. Auch das oft praktizierte Spielen und Gehen fällt in diesen Bereich.

Wichtige Schlagworte
Wie das Nürnberger Spiel im Detail aussehen wird, dürften dann auch die nächsten Wochen und Spiele zeigen. Beispielsweise, wie man die Box besetzen und attackieren möchte oder wie man sich bei Standardsituationen einen Vorteil verschaffen will. Dennoch lassen sich bereits einige wichtige Schlagworte und Kernelemente im Spiel der Franken definieren.
Eines davon ist das Gegenpressing, sodass man vor allem ballnah in den ersten Sekunden nach Ballverlust sofort wieder Druck auf den Gegner ausüben möchte. Auch Diagonalität ist ein wichtiger Faktor – etwa in Form von Diagonalbällen bei Spielverlagerungen, aber auch in der allgemeinen Anordnung und beispielsweise durch die fußverkehrt agierenden Flügelspieler. Schließlich dürfte es kein Zufall sein, dass hinter Zoma mit Can Moustfa für links vorne ebenfalls ein Rechtsfuß bereitsteht – und Rayan Ghrieb als Justvan-Backup auf der anderen Seite Linksfuß ist.
Der wichtigste Punkt für Klose ist, wie er oft betont, dass seine Mannschaft „schwer zu greifen ist“. Dahingehend sieht auch Justvan klare Fortschritte: „Jetzt kriegen wir es hin, dass wir unberechenbar werden. […] Wir haben viele Variationen im Offensivspiel, die uns sehr gut tun können und es für den Gegner schwer machen, uns zu berechnen.“
Fragezeichen
Einige Fragezeichen bleiben dennoch. Wie funktioniert die Viererkette, die im Vergleich zur Vorsaison komplett neu besetzt ist? Hin und wieder gab es zuletzt Situationen, in denen Bälle in den Rücken der Abwehr zu Schwierigkeiten führten. Dass das Gegenpressing gut funktioniert, ist angesichts der offensiven Ausrichtung ebenfalls entscheidend.
Wie schwer es für einen guten Zweitligisten dann wirklich wird, das Nürnberger Spiel zu entschlüsseln, werden die ersten Wochen zeigen. Real Oviedo war beispielsweise nicht gerade gut auf den Club eingestellt. Gegen Dynamo Dresden dürfte das deutlich schwieriger werden. Dass in der Vorbereitung viele Treffer nicht zufällig, sondern aus klar erkennbaren Mustern entstanden, darf Mut machen. Hinzu kommt, dass der FCN im zentralen Mittelfeld – auch wenn ein klarer Sechser gegen den Ball weiterhin fehlt – über fußballerische Qualitäten verfügt, die in der 2. Bundesliga außergewöhnlich sind.


