Spitzenspiel
Wenn der 1. FC Nürnberg am Samstagabend auf den VfL Wolfsburg trifft, ist kaum mehr Spitzenspiel in der 2. Bundesliga möglich. Der FCN ist so gut wie nie zuvor in eine Profisaison gestartet, die Wölfe gelten hingegen als großer Favorit auf den Aufstieg in die Bundesliga. Auch qualitativ dürfte es schwierig werden, innerhalb der Liga besser besetzte Kader zu finden.
FCN-Pluspunkte
Beim FCN bereitet die hinzugewonnene Kaderbreite bislang keine Probleme. Miroslav Klose betont regelmäßig, dass er die „Qual der Wahl“ habe – setzt am Ende dann aber doch fast immer auf das bewährte Personal. Das gestaltet sich in Wolfsburg für Trainer Tobias Strobl deutlich schwieriger. Sogar VfL-Kapitän Maximilian Arnold, der seit 2009 für den Verein spielt, sorgte zuletzt für Unruhe.
Nach rund 400 Bundesligapartien saß er zuletzt des Öfteren auf der Bank, was ihm nicht gefiel. „Ich bin mit der Situation einfach nicht zufrieden. Das ist nicht mein Anspruch. Ich habe Mehrwert für die Mannschaft. Und ich hoffe, dass der Trainer das schnellstmöglich auch sieht“, sorgte der Kapitän (via Bild) mit seiner Aussage für Aufsehen. Mittlerweile hat sich die Situation wieder beruhigt. Dennoch dürfte der Punkt Harmonie innerhalb der Mannschaft eher an den FCN gehen.
Schwere Aufgabe
Die grundsätzliche Herangehensweise beider Teams ist ansonsten recht ähnlich. Beide stehen sowohl mit als auch gegen den Ball für eine hohe Aktivität. So verteidigen beispielsweise beide Mannschaften mannorientiert. Für den FCN dürfte entscheidend sein, wie gut und präzise er dabei in die Tiefe kommt. Dasselbe gilt für die Momente nach einer Balleroberung. Wolfsburg bot den Gegnern in dieser Saison im Umschaltspiel bereits die eine oder andere Gelegenheit. Spielt der FCN den Ball allerdings zu früh vertikal nach vorne, riskiert er, selbst zu wenig Ballbesitzphasen zu haben und den Ball im Wolfsburger Gegenpressing wieder zu verlieren.
Gleichzeitig erwartet den Club in der Defensive eine besondere Aufgabe. Trotz des Nürnberger Pressings werden die Wölfe konsequent nach flachen, spielerischen Lösungen suchen – obwohl mit Robert Glatzel theoretisch auch ein Stürmer zur Verfügung steht, der lange Bälle verarbeiten und behaupten kann. Nicht zufällig ist die durchschnittliche Passlänge des VfL sogar noch geringer als die des Clubs.
Chance und Risiko
Das letzte Wolfsburger Spiel vor der Länderspielpause gegen den SV Darmstadt gewann der VfL mit 5:1. Die Partie verdeutlichte die Chancen und Risiken, die sich auch dem FCN bieten könnten. Das zwischenzeitliche 1:1 der Lilien fiel nach einer hohen Balleroberung. Darmstadt lenkte den VfL auf eine Seite, ehe Wolfsburg den Ball von dort diagonal und flach ins Zentrum spielte. Dort landete er beim SVD, der schnell umschaltete und gegen die unsortierte Defensive zum Ausgleich traf.
Wolfsburg versucht immer wieder, im Spiel mit Ball Rauten zu bilden. Dadurch hat der ballführende Spieler Anspielstationen halblinks, halbrechts und zentral in der Tiefe. Das bindet nicht nur viele gegnerische Spieler auf der Ballseite, sondern eröffnet auch unterschiedliche Passwinkel.
Diagonale Lösungen gehören dabei zu den bevorzugten Mitteln von Trainer Strobl. Sie entstehen beispielsweise, wenn der Ball zentral nach vorne gespielt und von dort seitlich nach hinten abgelegt wird. Gleichzeitig sind die Spieler im Zentrum ständig in Bewegung und versuchen, sich aus dem Deckungsschatten ihrer Gegenspieler zu lösen. Gelingt es dem VfL, sich aus diesen Situationen zu befreien und den freien Mann im Zentrum zu finden, geht es blitzschnell nach vorne. Ein Angriff aus dem eigenen Ballbesitz kann innerhalb weniger Sekunden wie ein Konter aussehen.
Genau dieses Muster zeigte sich gegen Darmstadt bei den Treffern zum 2:1, 3:1, 4:1 und 5:1: Aus dem tiefen Ballbesitz heraus löste sich Wolfsburg aus dem gegnerischen Pressing und kam wenige Sekunden später mit einem Schnellangriff zum Torerfolg.
Wer hat mehr gute Phasen?
Beide Teams dürften den Anspruch haben, das Spiel zu kontrollieren. Bei Ballbesitz, Passquote, Abschlüssen, Expected Goals, Effizienz und Zweikämpfen weisen sowohl der Club als auch die Wölfe Top-5-Werte auf. Freilich gibt es Unterschiede im Detail. Wolfsburg überlädt im Spielaufbau gezielt bestimmte Räume, während der FCN situativ etwas pragmatischer agiert und deshalb auch deutlich mehr lange Bälle spielt. Die Gäste spielen beispielsweise unfassbar viel – 40% – ihrer Angriffe durch die Mitte, beim Club sind es „nur“ 30%.
Dennoch ist davon auszugehen, dass es im Spiel unterschiedliche Phasen geben wird. Beide Mannschaften werden Momente erleben, in denen der Gegner mehr Ballbesitz hat und es ihnen schwerfällt, Zugriff zu bekommen. Auch deshalb könnte die Partie durch Kleinigkeiten, Unaufmerksamkeiten und Fehler entschieden werden.
Hinzu kommt die individuelle Qualität auf beiden Seiten. In Nürnberg sind die Fähigkeiten von Adam Markhiyev, Mohamed Ali Zoma und Co. hinlänglich bekannt. Wolfsburgs Offensivtrio aus Mittelstürmer Glatzel und den beiden verkehrtfüßig auflaufenden Flügelspielern Fabian Reese und Alexander Bernhardsson sagt ebenfalls viel über die Qualität des VfL-Kaders aus. Dass alle drei bislang zu den sieben besten Scorern der Saison gehören, unterstreicht das zusätzlich.
Echtes Spitzenspiel
Am Samstagabend um 20:30 Uhr wartet im gut gefüllten Max-Morlock-Stadion ein Duell, auf das sich die Zuschauer freuen dürfen. Beide Mannschaften stehen für attraktiven Fußball. Der größere Druck dürfte zweifellos aufseiten der Wolfsburger liegen: Bei einer Niederlage hätte der VfL bereits acht Punkte Rückstand auf den FCN.
Zuletzt gab es im heimischen Stadion zwischenzeitlich sogar Pfiffe, die Strobl als „völlig unverständlich“ und „unfair“ kommentierte. „Wenn wir die Dinge als Mannschaft gut machen und ein fantastisches Spiel machen, ist die Chance hoch, dass die Punkte hierbleiben“, blickt Klose optimistisch auf das Spitzenspiel, das nicht nur auf dem Papier eines ist.


