Klarer Favorit
Der 1. FC Nürnberg steht als Aufsteiger in die Bundesliga fest – zumindest wenn man der Historie glauben mag. Bis hierhin konnte der FCN fünf der ersten sieben Ligaspiele gewinnen und spielte zweimal remis. Stand der Club in der 2. Bundesliga zu diesem Zeitpunkt genauso gut oder besser da, gelang am Saisonende jeweils der Aufstieg (1977/78 und 2000/01).
Diese Prognose ist sicherlich verfrüht. Am Freitagabend beim FC Energie Cottbus geht Nürnberg dennoch als relativ klarer Favorit ins Spiel. Nicht zuletzt, weil der Club mit 20 Treffern die beste Offensive der Liga stellt – während der Drittligaaufsteiger mit 16 Gegentoren die schwächste Defensive aufweist.
Attraktive Spielweise
Dennoch verfügt Energie zweifellos über Stärken, auf die sich die Mannschaft von Miroslav Klose einstellen muss. „Ich gucke sie gerne an. Ich finde es cool, wie mutig sie Fußball spielen. Sie haben einen spielerischen Ansatz und investieren viel in die Offensive. Außer die beiden Innenverteidiger schaltet sich eigentlich jeder Spieler konsequent mit nach vorne ein“, sagte beispielsweise Darmstadts Trainer Florian Kohfeldt, der sich am vergangenen Wochenende mit seiner Mannschaft im direkten Duell mit 3:1 durchsetzte.
Nicht zufällig verzeichnet Energie mit 55 % Ballbesitz bislang sogar etwas mehr als der Club. Ligaweit hat nur Tabellenschlusslicht Holstein Kiel (57 %) mehr Spielanteile. Ein absoluter Schlüsselspieler, um daraus Torgefahr zu entwickeln, ist Leonardo Bittencourt.
Der 32-Jährige kehrte im Sommer nach 304 Bundesligaeinsätzen in die Lausitz zurück und ist vor der Viererkette der absolute Taktgeber. Von allen Spielern, die nicht als Innenverteidiger agieren, spielt er mit 64 Pässen pro 90 Minuten die meisten der Liga – und damit beispielsweise auch mehr als Nürnbergs Adam Markhiyev.
Neben den offensiven Abläufen, die häufig zu Durchbrüchen bis zur Grundlinie oder zu Bällen in die Tiefe auf den schnellen Angreifer Justin Butler führen, gehören auch ruhende Bälle zu den Cottbuser Stärken. Mit vier Standardtoren erzielte man bislang die drittmeisten der Liga. Vor allem Zehner Tolcay Cigerci sticht dabei mit seiner Schusstechnik hervor. Davor dürfte der Club, der zuletzt drei Eckballgegentore kassierte, gewarnt sein – zumal Energie bislang auch die meisten Eckbälle (55) herausholte.
Räume für den Club
Gleichzeitig gibt es aber auch Schwächen, die der FCN für sich nutzen kann. Allen voran spricht die höhere individuelle Qualität klar für Nürnberg. „Wir spielen gegen Mannschaften, die alle besser sind als wir“, weiß auch Energie-Trainer Pelle Wollitz, wie er gegenüber Niederlausitz aktuell sagte.
Darüber hinaus ließ der Tabellenachte, der allerdings nur drei Zähler Vorsprung auf Platz 17 hat, auch die meisten Expected Goals (17) für den Gegner zu. Wie anfällig die Lausitzer sein können, zeigte sich zuletzt gegen Darmstadt. Trotz eigener Führung kassierte man die Gegentreffer mitunter viel zu einfach. Das beste Beispiel dafür ist das 1:1.
Die Abwehr steht hoch, weiter vorne gelingt es trotz numerischer Überzahl aber nicht, ausreichend Druck auf den Ballführenden auszuüben. Durch eine einfache Gegenbewegung öffnet sich der Raum hinter der Abwehr, in den der Ball unbedrängt gespielt werden kann. Bereits sechsmal führte zudem ein eigener Ballverlust zu einem Gegentor – was die mitunter fehlende Balance und Wachsamkeit unterstreicht.
Vorlegen
Ein nicht zu unterschätzender Faktor dürfte das Stadion der Freundschaft sein, das seit 2023 LEAG Energie Stadion heißt. Zu Hause schlug Cottbus in dieser Saison beispielsweise bereits Hannover 96 und verlor in der Aufstiegssaison vor eigenem Publikum nur ein einziges Mal. Da es für Energie das erste Flutlichtspiel in der 2. Bundesliga seit zwölf Jahren wird, dürfte die Atmosphäre entsprechend stimmungsvoll werden.
Das ändert allerdings nichts daran, dass der 1. FC Nürnberg als klarer Favorit anreist. Mit einem Sieg könnte man den zweiten Tabellenplatz festigen – und den Vorsprung auf Rang drei zumindest bis Samstag auf sechs Zähler ausbauen.
„Auch wenn es mir keiner glaubt: Es wird mit das schwerste Spiel. Das wird im Kopf entschieden. Wir haben die Messlatte sehr hoch angesetzt und jeder will uns jetzt schlagen. Wir brauchen viel Energie auf dem Platz, ansonsten wird es sehr schwer“, erwartet Klose dennoch eine schwierige Aufgabe.


