Nicht immer so
Dem 1. FC Nürnberg ist sowohl aufgrund der Ergebnisse als auch der Leistungen ein sehr guter Saisonstart gelungen. Ob jeder FCN-Anhänger diese rasante Entwicklung unter Trainer Miroslav Klose für möglich gehalten hat? Wahrscheinlich nicht. Schließlich war die bisherige Amtszeit des 48-Jährigen zwar von Höhen und guten Phasen, aber auch von wenig Konstanz und einigen Rückschritten geprägt. So änderte sich die Art und Weise, wie der Club unter ihm Fußball spielt, schon oftmals – teilweise sogar recht drastisch. Auch deshalb stellt sich die Frage, wie groß der Anteil des Weltmeisters von 2014 am aktuellen Erfolg ist.
Gute Arbeit
Fakt ist: Wenn eine Mannschaft so gut punktet und spielt, kann auch der Trainer nicht alles falsch machen – im Gegenteil. Viele FCN-Spieler schwärmen von der Chemie innerhalb der Mannschaft und dem Teamgeist. Auch daran dürfte Klose, der selbst betont, ein gutes Verhältnis zu seinen Spielern zu pflegen, seinen Anteil haben.
Anteil an der Qualität
Was dem Coach der Franken sicherlich zugutekommt, ist die Qualität im Nürnberger Kader. Auf vielen Positionen ist man überdurchschnittlich für die 2. Bundesliga besetzt. Das ist zu einem Großteil sicherlich der Arbeit von Joti Chatzialexiou und Co. zuzuschreiben, aber bei einigen Spielern hat auch der Trainer einen nicht unerheblichen Anteil an der Entwicklung. Das aktuellste Beispiel ist sicherlich Piet Scobel, dem Klose viele Details beibrachte. Ähnliches gilt auch für Mohamed Ali Zoma. Freilich hat der 22-Jährige ohnehin riesiges Potenzial und hätte sich wohl auch unter anderen Trainern entwickelt. Dennoch ist Klose hierbei sicherlich ein wichtiger Faktor, der den Spielern individuell viel mitgibt und sie entsprechend verbessert.
Der frühere Stürmer betonte zudem oft, dass er frühzeitig seinen Kader beisammen haben möchte. Mittlerweile kann man ihm dahingehend recht geben, dass es für seine Arbeit als Trainer wichtig ist, dass die Spieler sich untereinander gut kennen. Sicherlich gibt es auch andere Beispiele von Trainern und Mannschaften, die nach radikalen Umbrüchen sehr schnell eine gemeinsame Idee auf den Platz brachten. Klose scheint aber einen besonderen Wert auf den Faktor Eingespieltheit zu legen. Anderenfalls hätte er in sechs Ligaspielen wohl mehr als nur einen Startelfwechsel vorgenommen, der zudem nur verletzungsbedingt erfolgte.
Basics sitzen
„Fußball spielen ist sehr einfach, aber einfachen Fußball zu spielen, ist das Schwierigste überhaupt“, sagte seinerzeit kein Geringerer als die niederländische Fußballlegende Johan Cruyff. Das lässt sich im positiven Sinne auf den FCN übertragen. Der Club erfindet den Fußball in dieser Saison nicht neu. Wahrscheinlich war der Ansatz der Klose-Elf unter seiner Regie sogar schon einmal komplizierter – etwa als man es in der vergangenen Hinrunde sehr kleinteilig mit vielen Überladungen und ausschließlich kurzen Passabständen versuchte.
Aktuell beherrscht man stattdessen die Basics: die Dreiecksbildung im Spielaufbau, gegenläufige Bewegungen von Offensivspielern, um Freiräume zwischen den Linien zu generieren, die Verlagerung, wenn man sich von der ballnahen Seite aus dem Gegnerdruck ins Zentrum lösen kann, oder das Mann-gegen-Mann in der Defensive. Alles Abläufe, die in der Theorie relativ simpel erscheinen. Der Unterschied ist, dass der FCN diese auf einem sehr hohen Niveau umsetzt, sodass Abstimmung, Timing und die dahintersteckende Qualität dabei sehr oft stimmen.
Gute Mischung
Dass der Club im Spielaufbau nicht dogmatisch agiert, passt ebenfalls dazu. Das beste Beispiel dürfte dabei der 2:1-Heimerfolg gegen Hannover 96 gewesen sein. Die Niedersachsen waren extrem verunsichert, versuchten aber dennoch, immer wieder flach – auch unter Gegnerdruck – zu eröffnen. Daraus resultierten viele gefährliche Balleroberungen des Clubs und unter anderem auch das 1:0.
Der FCN, der zwar stark um spielerische Lösungen bemüht ist, kann auch pragmatisch sein und je nach Situation den langen Ball oder schnell den Weg in die Tiefe suchen.
Die Spieler wissen mittlerweile auch, sich je nach Situation und Entscheidung zu verhalten. So konnte man beispielsweise gegen Hannover beobachten, dass Zoma bei einem sich anbahnenden langen Ball immer hinter Scobel rückte, um bei Kopfballverlängerungen in die Tiefe zu starten. Eröffnete man das Spiel flach, war Scobel ganz hoch und Zoma halblinks vor ihm, um bei einem Anspiel auf den Mittelstürmer in dessen Blickfeld zu sein und ein möglicher Empfänger für den Klatschball zu sein.
Gute Vorzeichen
Diese gefestigten Abläufe und Verhaltensweisen kombinierte man zuletzt – zum Beispiel gegen den KSC – mit einem nachvollziehbaren und funktionierenden Matchplan. Für Saisonprognosen ist es nach wie vor früh. Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich jedoch bilanzieren, dass Klose aktuell viele richtige Entscheidungen trifft. Mit seiner Herangehensweise schafft er es zudem, die zweifelsfrei vorhandene große Qualität seiner Spieler auf dem Feld zum Vorschein zu bringen.
In der wahnsinnig schnelllebigen Fußballwelt kann sich bekanntermaßen aber auch das alles schnell wieder ändern. Wie reagiert die Mannschaft auf Rückschläge? Wie schafft man es, die Kaderbreite im Saisonverlauf bestmöglich zu nutzen? Wie reagiert man, wenn Gegner Lösungen gegen das Nürnberger Spiel entwickeln? Diese Fragen gilt es in den nächsten Wochen und Monaten zu beantworten. Zumindest bis hierhin darf man aus Nürnberger Sicht durchaus optimistisch sein, dass man dann auch Antworten parat haben wird.


